Solidarische Hilfe im Alter SHA GmbH | Ihr Pflegedienst in Hamburg

SWR2 über die Solidarische Hilfe im Alter

SWR2 über die Solidarische Hilfe im Alter

[ 17. September 2008 | Holger Häger | ]

Bleiben Sie mir vom Leib!

Opfer des Naziregimes in der Altenpflege

Autorin: Sibylle Hoffmann

Redaktion: Nadja Odeh

Regie: Maria Ohmer

Sendung: Montag, 02.07.0 7 um 10.05 Uhr in SWR2

Manuskript

Barbara Kemper:

Die Einsätze bei Frau Peh waren schon sehr sehr anstrengend. Ich habe selber viele Einsätze bei der Patientin gemacht: Der größte Angang war, in die Tür zu kommen.

Erzählerin:

Barbara Kemper leitet den Pflegedienst der Solidarischen Hilfe in Hamburg. Sie organisiert den Einsatz von etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ehemals Verfolgte des Naziregimes versorgen, die heute pflegebedürftig sind.

Barbara Kemper:

Ich hab vor dieser Tür gestanden, richtig tief Luft geholt und hab mir manchmal einfach Tricks überlegt, um zu sagen: Hallo Frau Peh, ich bin heute da und wollte ihnen von meiner Katze erzählen – ich hab gar keine Katze, meine Nachbarn haben Katzen – damit ich nen Fuß durch diese Tür krieg.

Sie liebte Tiere über alles. Ihre ganze Liebe, die sie Menschen nicht mehr entgegenbringen konnte, hat sie auf Tiere projiziert.

Erzählerin:

Die vor kurzem verstorbene Frau Peh galt den Nazis damals als ein sogenanntes “asoziales und gefährdetes Mädchen”. Sie wurde in ein Arbeitshaus gesteckt, wo sie der “Sterilisationspflegerin” Käthe Petersen unterstellt war. Frau Peh wurde zum medizinischen Versuchsobjekt gemacht. Sie wurde gequält und zwangssterilisiert. Das Stigma “asozial” wurde sie auch später in der Bundesrepublik nicht los. Aufgrund dieser grausamen Erfahrungen misstraute Frau Peh den Menschen und insbesondere Ärzten und Pflegern.

Barbara Kemper:

Man war dann in der Wohnung, aber konnte noch nicht irgendwas an dieser Frau machen. Sie musste zum Beispiel Blutzucker gemessen kriegen, Insulin bekommen, das ging nur jeden zweiten Tag, höchstens. Ansonsten ist man hochkant aus der Wohnung geflogen, wenn man den Moment verpasst hatte, wo man etwas machen konnte. Und als sie dann bettlägerig wurde, dann konnte sie sich nicht mehr wehren, dass jemand in die Wohnung ging, aber dann hat sie sich massiv damit gewehrt , dass sie die Menschen geschlagen hat, die kamen ans Bett. Und da immer wieder drüberzugehen und den Moment auszuhalten bis sie dann sagte: “Ach, es ist schön, dass Du da bist”, das war ne echte harte Arbeit für die Leute, die da hin mussten.

Erzählerin:

Die “Solidarische Hilfe im Alter” ist ein ambulanter Pflegedienst, der sich um die besonderen Bedürfnisse der Verfolgten des Naziregimes kümmert. Sie wollen weder ins Krankenhaus noch in ein Heim. Nicht nur aus Angst, Autonomie zu verlieren, wie bei den meisten alten Menschen. Frau Kempers Klienten haben ihre besonderen Gründe.

Barbara Kemper:

Wir haben Klienten, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, ins Krankenhaus zu kommen, weil sie ganz massive Zwangserfahrungen hatten im nationalsozialistischen Regime.

Sie wurden interniert, in Keller gesperrt und von Ärzten und Krankenschwestern misshandelt. Die können im hohen Alter sich überhaupt nicht vorstellen, in ein Krankenhaus oder in ein Heim zu gehen. Bei vielen anderen ist es so, dass die sich nicht vorstellen können, in einem Heim, Tür an Tür mit der Tätergeneration zu leben. Dass nicht klar ist: Wer lebt nebenan? (Das) ist in nem normalen Mietshaus auch nicht unbedingt klar, aber da ist ne Grenze. Und in einem Heim ist diese Grenze sehr viel offener, und es gibt sehr viel Zweibettzimmer ja nach wie vor noch, und ich kann mir vorstellen, dass es für viele von diesen Menschen eine völlig unerträgliche Vorstellung ist, zu sagen: Ich muss mit jemandem leben, der Täter war.

Erzählerin:

Elfriede Jesche wohnt in einer Wohnung im ersten Stock. Die schwer kranke und behinderte Frau kann ihre Wohnung nicht selbständig verlassen, weil sie die Treppen gar nicht mehr steigen kann. Sie ist auf die Hilfe des Pflegedienstes angewiesen, zumal auch ihr Mann schwerkrank ist.

Elfriede Jesche:

Ich muss vor allen Dingen sagen, dass ich nie geglaubt habe, dass ich mal neunzig Jahre alt werde. Denn nach den Beschlüssen vom Wannsee wären wir ja alle vergast oder anderweitig umgebracht worden als jüdischer Abstammung und Andersdenkend, vor allen Dingen. Wir waren keine Faschisten. Wir waren Kommunisten. Mein Vater war im KZ, meine Mutter ist im KZ gewesen, weil sie Jüdin ist, man hat uns die Wohnung weggenommen und jemand von der Gestapo reingesetzt – also ich habe nie geglaubt, dass ich das jemals überlebe.

Erzählerin:

Eine Kette von glücklichen Zufällen und rechtzeitigen Warnungen hat verhindert, dass Elfriede Jesche und das Kind, das sie im Krieg zur Welt brachte, von den Nazis umgebracht wurden. Ihren kleinen Sohn konnte sie bei entfernten Verwandten auf dem Land in Sicherheit bringen – der Vater des Kindes wurde im Krieg getötet.

Elfriede Jesche:

Es war ne ganz furchtbare Zeit, wo man eigentlich immer nur in Angst davor gelebt hat: Was bringt der morgige Tag? – Und heute bin ich natürlich dankbar dafür, dass ich trotzdem so alt geworden bin, und deshalb fühle ich mich auch bei der Solidarischen Hilfe besonders gut aufgehoben, weil dort Menschen sind, die genau wie ich, sich für den Frieden einsetzen.

Erzählerin:

Das politische Interesse hat bei Elfriede Jesche bis heute nicht nachgelassen. Die Gründung der Bundeswehr 1955 hat sie empört. Und die Auslandseinsätze der heutigen Bundeswehr empören sie ebenfalls.

Elfriede Jesche:

Diese ganze militärische Entwicklung entspricht doch nicht einer Friedenshaltung.

Und man denkt, wenn man allein hier in der Wohnung sitzt: Wie furchtbar! Geht denn kein Mensch auf die Straße, um sich dagegen zu wehren.

Erzählerin:

Umso wichtiger ist es für Elfriede Jesche, dass die Pflegerinnen ihre politische Haltung respektieren.

Sie freut sich sehr, wenn sie mit ihnen diskutieren kann und von Protestbewegungen hört. Und eines tröstet sie immer wieder über politische Niederlagen hinweg:

Elfriede Jesche:

Seit 1918 dürfen Frauen wählen. Ist das denn gar nix?

Erzählerin:

Die alte Dame hat sich nie entmutigen lassen. Jahrelang hat sie ihren kranken Mann alleine versorgt. Er hat ein Stoma, einen künstlichen Darmausgang. Der sitzt nicht immer richtig fest, fällt ab und bereitet große Unannehmlichkeiten, die sie heute nicht mehr alleine bewältigen kann.

Elfriede Jesche:

Ich hab’ immer die Hilfe nicht in Anspruch nehmen mögen, weil ich gedacht habe, ich belaste die Soli damit, aber man hat es mir so lieb angetragen, ich soll doch anrufen. Ich krieg die Hilfe. Und jetzt mach ich das auch.

Erzählerin:

Viele der alten Patientinnen und Patienten sind es nicht gewohnt, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Petra Vollmer, die Geschäftsführerin der Solidarischen Hilfe, erzählt von einem Mann, der während seiner Haft in der Nazizeit gefoltert wurde. Da hatte er sich angewöhnt, Schmerzen zu verdrängen. Mit über neunzig Jahren brach sich dieser Mann den Arm. Erst spürte er die Schmerzen nicht, und dann ertrug er sie lieber eine ganze Woche lang, als sich helfen zu lassen.

Petra Vollmer:

Das war sein Persönlichkeitskonzept. Und das hat allerdings auch möglich gemacht, dass er sehr betagt geworden ist und sehr lange noch ganz autonom leben konnte. Und es hat ihm tatsächlich auch ganz viel Kraft gegeben.

Erzählerin:

Die “Solidarische Hilfe im Alter”, ist aus der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hervorgegangen und aus einem Verein, der den vergessenen Opfern des NS-Regimes bei der Beantragung von Entschädigungsleistungen hilft. Petra Vollmer hatte den Verein 1989 mitaufgebaut. Sie ist Ende vierzig und als Literaturwissenschaftlerin mit vielen Erfahrungsberichten aus jener Zeit vertraut. Zu den vergessenen Opfern zählt sie politische Häftlinge, Roma und Sinti, Inhaftierte in nationalsozialistischen Gefängnissen und die sogenannten “Asozialen”.

Petra Vollmer:

Eine andere große Personengruppe sind ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, also zivile Zwangsarbeiter, wenige Kriegsgefangene, aus Polen und der ehemaligen Sowjet-Union, die nach 45 nicht in ihre Heimatorte zurückkehren wollten oder konnten, sondern eher auswandern wollten nach Übersee, und diese Auswanderung in der Regel an dem Gesundheitszustand oder auch an den persönlichen Verhältnissen, sprich: keine Ausbildung, frühe Ehe, Kinder, gescheitert ist, und die dann in der Bundesrepublik geblieben sind.

Erzählerin:

Es wurde rasch klar, dass diese Klientel über die ehrenamtliche Beratung bei der Beantragung von Entschädigungszahlungen hinaus auch psychosoziale Betreuung und Altenpflege brauchte. So entstand vor zehn Jahren dieser besondere Pflegedienst.

Petra Vollmer:

Man kann im Prinzip über die ganz persönlichen, konkreten Erfahrungen von Verfolgten nichts sagen, weil sie einem ja heute nur vermitteln, wie sie Dinge heute sehen. Man kann Vermutungen anstellen, man kann Bücher lesen, man kann sich Dokumente anschauen, aber ich würde niemals wagen, nach physischen Details auch nur annähernd zu fragen.

Und das ist vielleicht auch jedem schon mal aufgefallen, der oder die Literatur gelesen hat zu diesem Thema: Es stehen dort nicht viele Details drin. Und wenn, dann sind es literarische Versionen, in denen vielleicht sehr emotionale oder sehr physische Dinge berichtet werden. Dann sind es nicht die Autobiographien.

Erzählerin:

Respekt wahren, nicht die Vergangenheit der Patientinnen und Patienten ausforschen, und auch nicht aus Versehen alte Wunden aufreißen oder Verdrängtes an Licht zerren!

Wie viel Kummer und wie viel Trauer über all die Verwandten, Freunde und Mithäftlinge, die die Verfolgung nicht überlebt haben, käme auf!

Wer als Verfolgter oder Verfolgte des Naziregimes nicht von alleine über die grausamen Einzelheiten im KZ, oder über Sterilisation, über Verfolgung oder Zwangsarbeit sprechen möchte, wird nicht danach gefragt.

Die Betroffenen müssen ohnehin noch oft genug grobe und verletzende Reaktionen erleben.

Petra Vollmer:

Das krasseste Beispiel war die Frau vom Gutachterdienst des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die auf die Andeutung:

“Ich war im KZ” nichts Besseres zu sagen hatte als: “Ach, da ging’s Ihnen ja auch schlecht. Haben Sie gestern Abend den Film über Vertriebene gesehen?”

Also ich glaube, dass ist der Wunsch. Dass man nicht damit konfrontiert wird. Oder dass jemand sagt: “Wieso, ich dachte, alle Juden leben nicht mehr.”

Erzählerin:

Die Menschen, um die sie sich kümmert, erzählt Petra Vollmer, empfinden das Erlebte selbst im hohen Alter noch als einen Makel in ihrer persönlichen Geschichte: Sie haben überlebt, Millionen andere nicht. Sie wurden gequält, drangsaliert, sterilisiert, aber in der Bundesrepublik gibt es dafür …

Petra Vollmer:

… keine Aufhebung, und dafür gibt es keine Entschuldigung und dafür gibt es auch keine Entschädigung. Es gibt sozusagen Härtebeihilfen, so nennt sich das in diesem Land. Und das ist alles andere, als dass es als Unrecht erkannt und gegenüber jemand auch mal kundgetan wird: Es ist ein Unrecht gewesen.

Erzählerin:

Die Überlebenden haben eine gemeinsame Erfahrung, die sie auch heute noch prägt, sagt Barbara Kemper: Nie, auch im Greisenalter nicht, wollen sie schicksalsergeben sein.

Barbara Kemper:

Sie wissen genau, wo ihre Interessen liegen, sie sind sehr aktiv mitbeteiligt daran, wie ihre Pflege auszusehen hat, bis zu dem: Sie möchten sich aussuchen, wer nach Hause kommt, mitbestimmen, wann die Zeiten sind. Das ist oftmals schwieriger zu leisten und die Wünsche alle zu berücksichtigen, die da kommen, aber es macht auf der anderen Seite einfach mehr Spaß.

Erzählerin:

Zu Gast bei Griebners: Das Ehepaar wohnt in einem Einfamilienhaus. Gerda Griebner öffnet freudestrahlend die Haustür. Nein! Sie kann sich gar nicht erinnern, dass sie Gäste erwartet, und eigentlich suche sie Martin, der vielleicht im Keller sei. Gerda Griebner hat Mühe, die Treppen zu steigen. Da ruft Martin schon aus dem Badezimmer im Erdgeschoss. Martin ist gerade dabei, Rudolf Griebner zu waschen. Der schaut den Gästen halb angezogen aus dem Bad entgegen. Rudi, wie ihn seine Genossen nennen, erinnert sich an unsere Verabredung und bittet uns, im Wohnzimmer Platz zu nehmen. Dann kommt Gerda mit dem Rollwagen und bestimmt, wer wo sitzen soll.

Rudolf Griebner:

Mein Name ist Rudolf Griebner, ich bin 86 Jahre alt und pflegebedürftig. Als die Pflegebedürftigkeit eintrat, das ist nun auch schon einige Jahre her, da ging es darum: Wer soll denn das machen? Und meine Entscheidung ist aus einem ganz einfachen Grund für die Solidarische Hilfe gefallen: weil mir das Wort Solidarität so viel gibt. Ich bin Angehöriger der Arbeiterbewegung, und seit ich aus dem Krieg zurück bin, bin ich Kommunist. Ich kenne keinen anderen Pflegedienst, der seine Tätigkeit mit Solidarität bezeichnet. Ich konnte mir schon denken, dass ich da wahrscheinlich Gesinnungsgenossen treffen werde. Und so ist es auch gewesen. Was heißt treffen? Wir grüßen uns über die Pflegenden ab und zu mal und sagen hallo, ich bin auch noch da, ne.

Erzählerin:

Die Kommunistische Partei Deutschlands wurde 1956 verboten, später wurde hauptsächlich von ehemaligen Mitgliedern der KPD die Deutsche Kommunistische Partei gegründet. Rudolf und Gerda Griebner sind beide Mitglied. Auf dem Esstisch liegt “Unsere Zeit”, die Parteizeitung.

Rudolf und Gerda Griebner:

Gerda: Wir sind noch da für die Partei, und wir sind auch noch in der Partei.

Rudolf: Mein Leben ist geprägt durch die Kommunistische Partei. (Weil) ich deren Anhänger wurde, wurde ich auch entsprechend behandelt.

Erzählerin:

Wegen seiner Kriegsverwundungen konnte Rudolf Griebner nach ‘45 keine körperlich schweren Arbeiten mehr übernehmen, aber auch im bürgerlichen Büromilieu wollte man einen wie ihn nicht haben. Also verdiente er sein Geld als Redakteur der Parteizeitung. An politischen Debatten nimmt er immer noch regen Anteil:

Rudolf Griebner:

Seitdem es die Sowjetunion und die DDR nicht mehr gibt, sinken wir im sozialen Sektor ganz furchtbar ab. Man spricht jetzt von Kinderarmut, man redet von Bildungsnotständen, und das sind Dinge, die mich noch immer beschäftigen. Ich bin aufgrund der Erfahrung, dass (der) real existierende Sozialismus so sang- und klanglos zusammengebrochen ist, natürlich auch ganz schwer psychisch belastet.

Erzählerin:

Rudolf Griebner muss Medikamente nehmen, die seine heftigen Gemütsschwankungen glätten. Sonst wird er ausfallend, übermütig oder stark depressiv. Gerda Griebner ist dement. Sie weiß nicht mehr, wann sie ihren Mann kennen gelernt hat. “In der Partei”, sagt sie. “Im Krieg”, korrigiert er. Heute ist Rudolf Griebner “gut drauf”, wie er sagt. An solchen Tagen deprimiert ihn die aktuelle politische Lage weniger.

Rudolf Griebner:

Das macht mich eher trotzig als traurig. Ich habe nicht aufgegeben. Ich weiß, dass die Geschichte sich nicht aufhalten lässt.

Erzählerin:

Wer möchte diesen eisernen Kommunisten pflegen? Wem fällt es leicht, sich auf politische Diskussionen mit ihm einzulassen, wenn man ihm gerade die Hosen hochgezogen hat?

Martin Rodzniak ist 29 Jahre alt, Abendschüler und Pflegekraft bei der Solidarischen Hilfe. Rudolf Griebner ist ihm vor Jahren schon in der Schule begegnet. Da stellten sich Vertreter verschiedener politischer Parteien vor. Rudolf Griebner hielt damals eine flammende Rede. Nun haben sich ihre Wege wieder gekreuzt, und Martin hilft Rudolf Griebner beim täglichen Waschen und Anziehen.

Martin Rodzniak:

Ich kann immer wieder Fragen stellen, und man kann auf einen politischen Erfahrungsschatz zurückgreifen, mit Arbeitsverbot, mit Verfolgung in der BRD als Kommunist. Herr Griebner ist auch ein Mensch, der über den zweiten Weltkrieg reden kann, das nicht verdrängt und mit dem man auch sehr kritisch drüber reden kann.

Erzählerin:

Martin ist politisch interessiert und offen für die Weltsicht von Rudolf Griebner. Er ist ein Glücksfall für den Pflegebedürftigen. So passgenaue Pflegekräfte gibt es nämlich nicht immer, meint Barbara Kemper.

Barbara Kemper:

Die meisten unserer Klienten erwarten nicht, dass unsere Mitarbeiterinnen immer schon Bescheid wissen, oder genauestens informiert sind oder besonders links sind oder politisch engagiert, sondern die erwarten, dass diese Offenheit dafür da ist.

Wenn ich jemanden in meine Wohnung lasse, in mein Privatleben eindringen lasse – letztendlich ist das ja so – dann will ich, dass die loyal sind. Und das ist, glaube ich so, die Hauptforderung.

Erzählerin:

Anders als andere große Pflegedienste in der Stadt hat die Solidarische Hilfe nicht mehrere Büros in verschiedenen Stadtvierteln, sondern nur ein einziges. Die etwa 50 Patienten aber wohnen im Stadtgebiet verteilt. Das heißt, die Wege sind oft weit, und die Pflegekräfte müssen häufig Auto fahren. Da geht viel Zeit verloren, und auch in den Dienstplänen fügen sich die Einsatzorte und -zeiten nicht nahtlos aneinander.

Barbara Kemper:

Man fängt an morgens um sieben, arbeitet bis um 11, und der nächste Einsatz ist dann erst um viertel nach zwölf. Diese Stunde ist Freizeit. Die wird nicht bezahlt. Die ist eben da, und die lässt sich nur füllen, wenn wir zufällig auch jemanden finden, der in dieser Zeit betreut werden möchte. Aber ansonsten müssen die Mitarbeiterinnen damit leben, dass man nicht irgendwo um elf hingehen kann und sagen: So: jetzt mach’ ich Dir das Mittagessen.

Erzählerin:

Sich im Haushalt und bei der Körperpflege helfen zu lassen heißt für jeden Menschen, einen Teil seiner Selbständigkeit aufzugeben.

Gerade jene, die sich von ihrer finanziellen Situation her nie Hilfe leisten konnten, geben Fremden weder ihren Haushalt noch ihren Körper gerne preis. Das erleben Pflegekräfte oft auch in Krankenhäusern oder anderen Pflegestationen.

Aber wenn die heute Pflegebedürftigen schon von den Nazis geschunden wurden, ihre Körper zu medizinischen Versuchen missbraucht, sie von Blockwarten oder Kapos ständig überwacht und unter erbärmlichen Bedingungen zu Schwerstarbeit gezwungen wurden, haben sie eine immense Angst vor erneuter Wehrlosigkeit. Das Misstrauen gegenüber den Helfern in weißen Kitteln ist manchmal unüberwindbar.

Barbara Kemper:

Also wenn eine Klientin den Krankenhausaufenthalt ablehnt oder den Besuch beim Arzt, oder dass der sie zuhause besucht, dann respektieren wir das in der Regel. Ausnahme nur, wenn wir das Gefühl haben, dass es massiv das Leben bedroht, und selbst da ist es so, wenn abzusehen ist, dass sich zwar der Zustand verschlechtern kann, aber diese Person entscheidet für sich: Das ist dann so, dann wird das in der Regel respektiert.

Also wir haben auch den konkreten Fall von einem Patienten. Der hat ne Leberzirrhose, ist aber in der Lage zu sagen: Okay. Ich will das nicht. Der hat keine Betreuerin, weil das nicht nötig ist, aber er hat zumindest eine Beraterin, die ist ihm vom Gericht zur Seite gestellt. Mit der zusammen haben wir entschieden: Er entscheidet selbst. Und wenn er an dieser Erkrankung sterben sollte, dann ist das seine Entscheidung, und dann respektieren wir das.

So schwer es manchmal ist, da zuzugucken.

Erzählerin:

Nicht immer sind es gravierende medizinische Probleme, die die pflegerische Betreuung erschweren. Auch das aktuelle Lebensumfeld der Patienten kann hohe Anforderungen an das Einfühlungsvermögen der Pflegekräfte stellen. Petra Vollmer erzählt von einer Patientin, die im Alter keinen Wert mehr auf Ordnung und Hygiene legte. Umso wichtiger fand sie es, …

Petra Vollmer:

… ausgedehnt über wichtige Dinge, auch Literatur, über Texte (und) Ereignisse zu diskutieren.

Erzählerin:

Solche Situationen bringen die Pflegekräfte mit ihrem Anspruch, nicht übergriffig zu werden, in ein Dilemma. Wie den Abwasch für eine solche Patientin erledigen und ein gewisses Maß an Reinlichkeit in ihren Haushalt bringen, ohne zu sehr in die persönliche Sphäre der Klientin einzugreifen?

Idealerweise sollen die Pflegekräfte Rücksicht nehmen und akzeptieren, dass der Patientin das Gespräch und die Überwindung der Einsamkeit wichtiger sind als ein ordentlicher Haushalt. Die Helferinnen und Helfer sollen in einem solchen Fall ihre eigenen Auffassungen von Ordnung zurückstellen und es “aushalten”, dass ihre gut gemeinte Hilfe abgelehnt wird.

Das fällt manchmal schwer, zumal die genaue Lebensgeschichte der Patienten häufig im Dunkeln liegt, und man nur ahnen kann, warum gerade diese Forderung oder jene Eigenheit bei dem Patienten so stark hervortritt. Andere Patienten wiederum beginnen jetzt im Alter erstmals von den Demütigungen während der Nazizeit zu berichten.

Barbara Kemper:

Bei vielen von den Menschen, mit denen wir zu tun haben, war es auch so, dass sie die ganze Zeit des Erwachsenenalters relativ wenig darüber geredet haben. Meine Erfahrung ist, dass sie oft im Alter erst anfangen zu reden und ihre Erfahrungen mitteilen zu wollen. Also dass die Zeit, die sie im Nationalsozialismus erlebt haben, nicht vergessen wird. Dass sie das weitergeben und dass sie sagen: Das ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, dass so etwas jemals wieder passieren würde.

Erzählerin:

Bei Annie Schwindt läuft der Kaffeeautomat. Die alte Dame hat allerdings vergessen, Kaffee in die Filtertüte zu füllen. Kein Problem! Das holt die Pflegerin nach.

Annie Schwindt:

Meinen Schwiegervater hatten sie viereinhalb Jahre eingesperrt. Die hatten ja immer Gründe, jemanden einzusperren. Und das war für unsere kleine Familie sehr schwierig. Bei mir im Haus kam ja auch immer jemand, man war praktisch nicht mehr allein. Man wurde immer beobachtet. Und es war natürlich die Angst da, dass sie aus der Familie dann irgendwie noch jemanden holten.

Erzählerin:

Solidarität, sich gegenseitig zu helfen und beizustehen wurde in den Kriegs- und Nachkriegsjahren überlebenswichtig.

Annie Schwindt:

Ich weiß, mein Mann wurde einmal arbeitslos, und dann waren jetzt andere da, die kamen und brachten mir Brot und Eier, das vergesse ich nie im Leben! Wir hatten ja alle nix, aber da hat einer dem andern geholfen und dabei ist es auch geblieben. Und so hab ich auch meine Kinder erzogen.

Dass einer immer dem anderen helfen soll und nicht feindlich miteinander umgehen soll oder noch irgendeinen Profit daraus ziehen möchte, dem andern soll es ruhig schlecht gehen. Nein. Das gibt’s gar nicht.

Erzählerin:

Gleich nach dem Krieg, da war sie 29 Jahre alt, hat sich Annie Schwindt der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes angeschlossen. Vor gut zehn Jahren hat sie sich mit anderen Siebzig- und Achtzigjährigen für die Gründung der Solidarischen Hilfe engagiert. Heute wohnt sie in einer Wohnanlage, in einem Einzimmerappartement mit Mini-Küche.

Annie Schwindt:

Die Rente ist so klein, ich könnte nicht das Essen bezahlen, was es hier bei uns im Hause gibt, und wenn ich selber koch, hab’ ich aber nicht mehr die Kraft in den Händen, Sachen zu schneiden, von wegen Steckrüben und solche Dinge. Und das wird immer von der solidarischen Hilfe vormittags immer alles vorbereitet, was ich dann kochen könnte. Kochen. Das geht ja dann noch!

Erzählerin:

Kochen! Essen! Reden! – Das sind vitale Bedürfnisse. Da scheint das Sterben noch weit weg zu sein.

Wenn aber das Lebenslicht zu verlöschen beginnt, wünschen sich die Patienten von der Solidarischen Hilfe manchmal auch beim Sterben Beistand.

Barbara Kemper:

Das ist in keinster Weise finanziell abgesichert, weil es in dieser Gesellschaft ein Frist von, glaube ich, maximal 10 Tagen gibt, in denen Finalpflege bewilligt wird. Und danach hat ein Mensch eben zu sterben, oder es gibt keine Zuschüsse oder Mittel mehr, die das finanzieren.

Erzählerin:

Die meisten Menschen wünschen sich, zuhause zu sterben. Die Solidarische Hilfe achtet darauf, dass dann nur die Pflegerinnen und Pfleger diese Aufgabe übernehmen, die es freiwillig tun und die schon vorher eine Bindung zum Sterbenden entwickelt haben.

Barbara Kemper:

Also das ist für beide Seiten ein ganz ganz wesentlicher Schritt. Weil, wenn man jahrelang jemanden gepflegt hat, und gerade solche Leute, dann entsteht schon ne sehr intensive Beziehung, und die muss natürlich für beide Seiten sauber abgeschlossen werden. Also auch für die Pflegenden: Die brauchen einen Abschluss. Und insofern ist eine Begleitung zuhause für beide Seiten das doch deutlich angenehmere.

Erzählerin:

Und es kann sein, dass auch in dieser allerletzten Zeit etwas zur Sprache kommt, was all die Jahre vorher sorgfältig im Innersten verschlossen gehalten wurde.

Barbara Kemper:

Frau M. hat den Mitarbeiterinnen gegenüber keine Einzelheiten aus dem KZ erzählt, sondern eher so politische Erfahrungen, oder Erfahrungen auf der Flucht, oder wie sie ihren Sohn verstecken lassen musste und solche Geschichten hat sie erzählt. Aber sie hat niemals erzählt, was sie an Einzelheiten im KZ erlebt hat. Es kam in der Sterbephase wieder hoch, dass sie so schreckliche Träume hatte und nicht mehr wusste, wo sie sich befand. Das war für sie ne sehr, sehr schlimme Zeit, wo sie es nicht mehr steuern konnte, dass die Erinnerungen sie eingeholt haben. Ansonsten hat sie mit diesen schrecklichen Einzelheiten weder sich selbst noch die anderen belasten wollen. Sie wollte einfach bis ins ganz hohe Alter eine politisch aktive Frau sein, und das war ihr wichtiger als diese Einzelheiten. Die Erinnerung an das ganze war ihr sehr wichtig, aber die Erinnerung an Einzelheiten nicht.

( http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/leben/-/id=2191126/property=download/nid=660174/4lmkie/swr2-leben-20070702.rtf )