[ 17. September 2008 | Holger Häger | ]
Gibt es im Alter oder für Alte in unserer Gesellschaft keine Solidarität?
Wer die Kampagne einer bestimmten Zeitung verfolgt, kann auf diesen Gedanken kommen. Glücklicherweise gibt es aber auch etwas anderes – die Solidarische Hilfe im Alter (SHA GmbH) in Hamburg. Das wurde deutlich im Gespräch mit Pflegedienstleiterin Barbara Kämper.
Gegründet wurde dieser in Deutschland einzigartige Pflegedienst 1996, gleichzeitig mit der Pflegeversicherung. Ziel dieses Dienstes, wie Barbara Kämper, Jahrgang 1958, es formuliert: „Wir wollten uns kümmern um ehemals Verfolgte der Naziherrschaft, also frühere KZ-Insassen, Zwangsarbeiter.“ In vielen Fällen bestand die Arbeit von SHA zunächst darin, dafür zu sorgen, dass diese Menschen Ausgleichszahlungen erhielten – ein Arbeitsgebiet, das auch heute noch Einsatz und Zeit kostet. Und was ist mit der ursprünglichen Zielgruppe, zehn Jahre nach Gründung des Vereins? „Ein Drittel unserer Klientel gehört immer noch zu dieser Gruppe; selbstverständlich sind sie inzwischen hochbetagt. Denken Sie aber auch an deren Kinder – sie sind jetzt um die 70 Jahre alt. Wer als Kind die Eltern ins KZ begleitet und überlebt hat, schüttelt das nicht einfach ab, auch nicht nach Jahrzehnten – solche Menschen brauchen unsere Hilfe, unsere Solidarität!“
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Barbara Kämper im Interview
42 Menschen arbeiten gegenwärtig für SHA – Pfleger, Altenpflegerinnen, Fachkrankenschwestern für Psychiatrie und Anästhesie, Haushaltshilfen, ein Psychologe. Der Dienst hat viel Kontakt zu Hausärzten. In den meisten Fällen ist die Zusammenarbeit gut, etwa wenn es um die Versorgung von Wunden geht: Druckgeschwüre oder ein diabetischer Fuß; wird für die richtige Versorgung der Wundexperte einer Firma vorgeschlagen, machen die Ärzte mit. Anders sah es aus bei einem Chirurgen, der die Verbände eines Patienten unbedingt eigenhändig wechseln wollte. Dazu musste der sehr alte Patient allerdings stets die Praxis des Arztes aufsuchen – verständlich, dass dies manchmal nur in zweiwöchigem Abstand geschah – zum Leidwesen der Betreuenden.
Zur heutigen Klientel: Nach den Worten der gelernten Krankenschwester Barbara Kämper sind darunter ganz viele, die vordergründig eine pflegerische Betreuung brauchen. Es gibt aber ebenso viele mit psychiatrischen Problemen, „die aus allen Rahmen fallen, bei denen unklar ist, woher sie Geld zum Leben bekommen; darunter sind häufig Suchtkranke“. Der Altersdurchschnitt liegt deutlich über 70 Jahre. Hinzu gekommen sind in den letzten Jahren verstärkt Migranten, Türken, Kurden, Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter, wen wundert es, zahlreiche frühere Zwangsarbeiter.
Die Betreuung findet ausschließlich zu Hause statt, und zwar im gesamten Großraum Hamburg, gelegentlich auch in Schleswig-Holstein. Barbara Kämper berichtet von einem aktuellen Fall in Norderstedt, wo es für den Dienst – angerufen von Angehörigen, die SHA kannten – zunächst darum ging, den zuständigen Kostenträger zu ermitteln. Überhaupt – „in den seltensten Fällen kommen die zu Betreuenden direkt zu uns, meist passiert das über Angehörige, Betreuerinnen oder auch den Sozialdienst in Krankenhäusern.“ bgelehnt wird niemand, oder? „Doch“, sagt die Pflegedienstleiterin, „nach unserem Selbstverständnis und weil wir auf die anderen Klienten Rücksicht nehmen, haben Menschen mit einer faschistischen Grundhaltung bei uns nichts zu suchen – wer ständig Heil Hitler brüllt, muss sich einen anderen Dienst suchen. Dafür haben die uns bekannten Betreuer Verständnis.“
Finanziert wird der Pflegedienst über die herkömmlichen Kostenträger, also Kranken- und Pflegekassen, Sozialämter und private Leistungen.
Zuschüsse irgendeiner Art gibt es nicht. Darin unterscheidet sich SHA kaum von Hunderten anderer Dienste. Gibt es dennoch Unterschiede? „Ja“, erklärt Barbara Kämper, „wir sind in diesem Land der einzige Pflegedienst, der sich um die genannte Zielgruppe kümmert. Insgesamt liegt unser Schwerpunkt auf Menschen, die durch das soziale Netz zu fallen drohen oder bereits abgestürzt sind, dazu gehören beispielsweise Obdachlose. Ich weiß von anderen Diensten, dass die sie gar nicht oder höchst ungern aufnehmen. Wir sprechen mit den Nachbarn, bauen Vorurteile ab, erklären, wie es zur Obdachlosigkeit gekommen ist – schon ist Verständnis da, gibt es weniger aggressives Verhalten, dürfen die Menschen dort sein, wo sie gerade eine Bleibe gefunden haben.“
Barbara Kämper spricht von der Scheu vieler dieser Klienten, sich an offizielle Stellen zu wenden, „sie trauen (fast) niemandem, auch nicht denjenigen, die eine Institution vertreten. Wieder andere sehen die eigene Hilfebedürftigkeit nicht, und das in unserer Zeit, wo das soziale Netz ohnehin immer dünner wird!“ Da sei es sehr hilfreich, dass es inzwischen so genannte Multi-Kulti-Pflegedienste gebe, initiiert von Menschen, die in der 3. oder 4. Generation in Deutschland leben, die keine sprachlichen Schwierigkeiten haben und die sich einsetzen für andere, die denselben Migrationshintergrund haben. Es gebe aber immer noch genug Menschen, bei denen die Betreuung tabuisierte Bereiche überwinden müsse – im einen Fall ist es die Religion, im anderen Fall sind es bestimmte Essgewohnheiten:
„Da kommen wir kaum ran.“ Grundvoraussetzung für die Mitarbeit bei SHA: Sprachkenntnisse, vor allem türkisch und kurdisch. Es gibt inzwischen auch mehrere russisch sprechende Mitarbeiterinnen. Und: „Wer bei uns mitmachen möchte, muss die Fähigkeit zur emotionalen Übersetzung haben.“
Was gefragt ist bei SHA? Die durchschnittlich 60 zu betreuenden Menschen, die die SHA-Hilfe suchen, wünschen sich so gut wie alles, von der kurzen Behandlungspflege, etwa für die Dauer einer bestimmten Medikamentengabe, bis hin zur Betreuung über viele Jahre, bis hin zur Sterbebegleitung zu Hause. Barbara Kämper lobt die Flexibilität in ihrem Dienst, „wir schauen weniger nach der Funktionalität und mehr auf die Menschen“. Gerade alte Menschen seien auf Pünktlichkeit gedrillt, da komme es manchmal auf Minuten an, um Streit zu vermeiden. Viele Dienstleistungen werden kostenfrei angeboten, die anderswo in Rechnung gestellt werden – „so helfen wir bei der Durchsetzung berechtigter Ansprüche“.
Verglichen mit anderen Pflegediensten lasse sich feststellen: „Solidarische Hilfe im Alter ist klar und eindeutig nicht auf Profit geschaltet. Wir zahlen normale Gehälter, bleibt etwas ¨brig, wird es in die Logistik gesteckt.“
Sicher hat eine Frau, die diese Arbeit macht, ihre ganz persönlichen Vorstellungen, wie es weitergeht mit dem Problem der demographischen Entwicklung in Deutschland.
Barbara Kämper befürchtet, dass es schon bald wieder Siechenheime geben wird, denn: „Die Altersarmut nimmt zu, die Menschen sterben deshalb früher – die vorausgesagte Pyramide ist in meinen Augen alles andere als zwangsläufig!“ Und ihre Wünsche? Es solle seitens der Politik, aber auch von manchen Medien weniger mit Angst gearbeitet werden, dann gebe es mehr Einsatz und Solidarität in unserer Gesellschaft:
„Notfalls müssen wir wieder für unsere Rechte auf die Straße gehen. Alte, Behinderte und Schwache dürfen nicht länger als Hindernisse gesehen werden, die es zu beseitigen gilt. Wer unter den Nazis gelitten hat, musste nach 1945 um seine Rechte kämpfen, er oder sie kämpft teilweise heute noch. Für Menschen in ähnlicher Lage möchte SHA etwas tun – das hat nichts zu tun mit links oder rechts, es ist einfach falsch, nichts für sie zu tun! Und weil hier eine gewisse Kontinuität besteht, weil immer noch Angst vor dem Fremden geschürt wird, gehören auch Flüchtlinge, egal aus welchen Ländern, zu unserer Zielgruppe.“
Schön, dass es immer noch Weltverbesserer gibt, Menschen, von denen wir nicht genug haben können! (wl)
Artikel aus: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 3/2007, S. 72
Rubrik: Unsere Nachbarn
URL: http://www.aeksh.de/shae/2007/200703/h070372a.html