[ 5. Dezember 2005 | Holger Häger | ]
Quelle: Altenpflege 5/2005
Wir danken dem Vincentz-Verlag für die Genehmigung!
Wie kann die deutsche Altenhilfe den Bedürfnissen alt gewordener Nazi-Opfer angemessen gerecht werden? Altenpflege sprach mit Sonja Schlegel vom “Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte” über Verdrängung und Verantwortung.
Jenrich: Ihr Verband vertritt seit seiner Gründung im Jahr 1990 die Interessen von Menschen, die während der NS-Zeit aus unterschiedlichen Gründen verfolgt worden sind. Um wie viele Menschen handelt es sich dabei, und was machen Sie konkret?
Schlegel: Da sprechen Sie eines der ganz großen Probleme an. Es gibt zu diesem Thema keine veriässlichen Zahlen.Erstens ist die Gruppe der Betroffenen sehr heterogen. Und zweitens arbeiten wir nicht nur national, sondern weltweit. Für Deutschland gehen wir nach groben Schätzungen von etwa 100 000 NS-Verfolgten aus. die bis heute überlebt haben. Diese Menschen beraten und unterstützen wir in Fragen von Entschädigung, Rente, Härtebeihilfen. In den letzten Jahren hatten wir verstärkt damit zu tun, für einzelne Personen einen passenden ambulanten Pflegedienst zu finden oder ihnen den Übergang in eine stationäre Einrichtung etwas leichter zu machen.
Jenrich: Auch 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus und nach dem Ende des Krieges ist die Pflege dieser speziellen Gruppe von Menschen in der deutschen Altenhilfe eigentlich kein Thema. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Schlegel: Der hauptsächliche Grund ist eine unbewusste Verdrängung in der Gesellschaft, dass diese Menschen in Deutschland und unter uns leben. Ich habe erst kürzlich von einer hochrangigen Politikerin die sicher freundlich gemeinte Vermutung gehört, alle NS-Verfolgten lebten doch wohl in Israel. In unserem Bewusstsein ist es einfach nicht verankert, dass der 85-jährige Nachbar durchaus ein ehemaliger KZ-Häftling oder Zwangsarbeiter sein könnte. Von daher ist diese Gruppe auch im Bewusstsein der in der Altenhilfe Beschäftigten nicht enthalten.
Jenrich: Das muss ja nicht zwangsläufig so bleiben. Worin sollte sich Ihrer Ansicht nach Pflege bzw. Betreuung von NS-Verfolgten von der Pflege anderer alter Menschen unterscheiden?
Schlegel: Es herrscht – und das ist sicher das Hauptproblem – unter den Menschen, die während der Nazizeit Verfolgungen ausgesetzt waren, ein ganz großes Misstrauen gegenüber der eigenen Generation. Die Befürchtungen sind groß, hier auf Unverständnis, blöde Sprüche, kränkende Bemerkungen und auch auf die Ewiggestrigen zu stoßen. Viele sind seit dem Ende des Krieges von Leuten ihres Alters immer wieder mit Sätzen konfrontiert worden wie: Man hat wohl vergessen, dich zu vergasen. Aus diesen Gründen meiden NS-Verfolgte, so lange es geht, den Einzug in stationäre Pflegeeinrichtungen. Und wenn doch, dann leben sie dort meist unter großer Anspannung und unter Verleugnung ihrer eigenen Geschichte. Das muss die Pflege bei allem, was sie tut, immer im Hinterkopf behalten.
Jenrich: Das legt den Umkehrschluss nahe, diese Menschen fühlten sich vermutlich wohler unter ihresgleichen. Jüdische Altenheime gibt es einige in Deutschland. Würden Sie ähnliche Einrichtungen auch für andere Opfergruppen befürworten?
Schlegel: Darüber könnte man nachdenken. Wir würden uns speziell für diese Menschen über kleine Einrichtungen mit nur wenigen Plätzen freuen, die keinerlei Assoziationen zu den traumatischen Ereignissen zulassen, die sie in ihren jungen Jahren erlebt haben. Große Institutionen mit ihren ganzen Strukturen fördern massiv die Erinnerung an Lagerleben. Eine alte Dame, die wir schon länger betreuen und die inzwischen in einem Heim lebt, spricht immer von „Mithäftlingen” und „Zellen”. Daraus sollten wir Konsequenzen ziehen.
Jenrich: Menschen mit einer derartigen Vergangenheit bedürfen eines besonders sensiblen Umgangs. Welche Eigenschaften müsste Ihrer Meinung nach das Pflegepersonal mitbringen, das sich um NS-Verfolgte kümmert?
Schlegel: Wichtig ist, dass die Pflegekräfte einen Bezug zum Thema haben. Dass sie sich die Aufgabe zutrauen und bereit sind, sich auf schwer traumatisierte alte Menschen auch wirklich einzulassen. Der speziellen Anforderungen, die der Umgang mit NS- Verfolgten mit sich bringt, sollten sich Altenpfleger immer bewusst sein. Ehemalige KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter zu betreuen – das heißt, zuhören zu können. Das heißt, sich Erzählungen zu stellen, die mit Schrecken, mit Aggression, mit Terror zu tun haben. Pflegekräfte sollten an eine solche Aufgabe ohne Angst herangehen. Und dazu bereit sein, sich – durchaus mit Supervision im Rücken – den Menschen wirklich zur Verfügung zu stellen.
Sonja Schlegel ist Sozialarbeiterin und stellvertretende Geschäftsführerin beim „Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte” in Köln
Interview: Holger Jenrich